DIENSTAG
Man fragt sich ja, was bei einem schief gelaufen ist im Leben, dass man dermaßen anständig ist. In meinem Fall handelt es sich offenbar um sowas wie eine Ausnahmeerscheinung, was Moral und Gewissen betrifft. Haben heute die Frau des toten Unfallopfers besucht. Wir waren perfekt vorbereitet.
Ich habe Marc gezwungen zweitausend Euro abzuheben und zu behaupten, das Geld hätte man bei ihrem Mann gefunden. Man weiß ja nie, ob es finanziell schlecht aussieht bei einer Witwe. Außerdem habe ich die ganze Nacht gebacken. Marc hat sich geweigert mir zu helfen, aber ich habe ihn dazu gezwungen abzuwaschen. Er hat eine wirklich schöne Küche. Zu schade, dass sie selten benutzt wird. Na ja, egal. Sehr schweigsam fuhren wir los. Also ich.
Und je näher wir der Adresse kamen, umso unsicherer wurde Marc. Es war wirklich angenehm. Es gab nur eine Beleidigung auf dem ganzen Weg.
„Wie bist du denn geschminkt? Willst du Urlaubsvertretung für Cindy aus Marzahn machen?“
Und der Spruch war gerechtfertigt, denn natürlich hatte ich mich ein bisschen auf den Problembezirk vorbereitet, indem ich mich an aus Funk und Fernsehen bekannte Klischees über Styling gehalten hatte.
Funk: Sidos Songs.
Fernsehen: “Mitten im Leben“ auf RTL.
Wohngegend: scheiße. Haus: runtergekommen. Wir klingeln und sind bereit, einem Häufchen Elend entgegenzutreten, da macht uns erst mal eine total besoffene Frau auf, die die Schwester (eine von drei) der Witwe zu sein schien, jedenfalls war die ganze Familie am Feiern. Also, alle bis auf den Toten natürlich. Und dass er tot war, war wohl auch der Grund der Freude, wie wir nach einer halben Stunden erfuhren.
„Ach guck mal, die Ärzte wollen noch mal sagen, wie Leid es Ihnen mit Udo tut.“
(schallendes Gelächter bei den vier Frauen der Familie)
Ich: „Ja, ich...äh...bin mir sicher, er war ein wichtiger Stützpfeiler der Familie.
(die erste Frau kippt kichernd aufs Sofa)
Marc: „Wir...haben wirklich alles getan, was möglich war...“
Ehefrau: „Na gut, dass das nicht geklappt hat!“
(Nächste Frau kippt kichernd aus Sofa)
Ehefrau: Ehrlich gesagt, er war ein Arschloch. Und Sie müssen sich nicht entschuldigen, sondern wir müssen uns bedanken. Für die Lebensversicherung!
PLOPP. Der Champagnerkorken knallte an die Schimmel überzogene Decke.
Und PLOPP. Ein Lächeln erschien auf Marcs Gesicht.
„Na ja, so gesehen hab ich der Familie ja einen Gefallen getan.“
Ich beschränkte mich auf Leitungswasser, wobei ich mir nicht sicher war, ob es sich in dem Haus noch um Bleileitungen handelte - und vermied weitere Gespräche. Es war zum Verrücktwerden. Da hatte man ihn einmal mit schlechtem Gewissen. Da war er kurz davor eine Verhaltenstherapie zu machen, über sein Leben nachzudenken und dann tanzen vier Frauen, die alle noch dicker sind als ich, mit ihm Polonaise durch eine HartzIV-Wohnung?
23.11 Uhr
Habe Marc noch nach Hause gefahren.
Er war natürlich gut drauf und hat das Gefühl, dass Schicksal hat ihm verziehen.
Ich: „Aber ich hab dir vielleicht noch nicht verziehen.“
Er: „Du weißt, dass ich was draus gelernt habe.“
Ich: „Nein, das ist mir bis jetzt nicht aufgefallen.“
Er: „Dass du immer zu mir hältst.“
Stille.
Er: „Hast du nicht manchmal auch das Gefühl, dass der Mond total groß ist?“
Sämtliche Alarmglocken, also nicht nur die beiden im BH begannen zu klingeln. Marc Meier startete einen emotional unfairen Flirtversuch mit deutlicher Kussabsicht.
HAASIPEDIA
Emotional unfaire Flirtversuche sind eine biologische Waffe, die bevorzugt von Männern eingesetzt wird, um auch in verzwickten Kriegssituationen gezielt auf das Kommunikationszentrum des einzunehmenden weiblichen Körpers zu schießen: den Kopf. Ist diese Einheit erst mal ausgeschaltet, verliert der weibliche Körper die Fähigkeit, logisch zu denken. Die Gehirnaktivität wird fast auf Null heruntergefahren (befindet sich also für kurze Zeit auf dem Niveau des männlichen Gehirns) und sämtliche Entscheidungen werden vom (ausgefallenen Gehirn) an das Herz übergeben, womit der weibliche Körper der männlichen schussbereiten Kriegsmacht quasi vollkommen hilflos gegenübersteht.
Der emotionale Angriff teilt sich relativ sicher in drei Phasen auf.
Hinterhältiges Ranschleichen. Schuss und Treffer. Versenkt (Also Sex).
Nach einer sehr kranken Beziehung, in der lustige Ereignisse wie Betrug, Alkoholismus oder körperliche Gewalt sich die Klinke in die Hand geben, hat die Frau beschlossen, dass es vorbei ist.
In unserem Fall würde ich mir wünschen, dass er mir einfach nur ein paar Mal saftig eine gescheuert hätte, dann wäre das Problem wenigstens klar. Leider handelt es sich in Marcs Fall ja um diffuse Arschlocheritis. Er kann sich nicht auf EIN Problem konzentrieren, nein, er macht gleich diverse. Wenn die Frau dann beginnt sich abzuwenden, wird dem Mann klar: Oh scheiße. Das ist ja doof. Sie hat doch sonst alles mitgemacht, wieso verhält sie sich denn jetzt anders? Ich glaube, ich muss mal einen emotionalen Angriff starten.
Gut, Phase 1 war deutlich erkennbar. Spontane Verwendung von Schlagworten, die sich allesamt positiv auf eine Frau auswirken.
„Ach guck mal der Mond!“
oder „Ach schau mal, der niedliche Hund.“
Oder „In dem Licht siehst du unglaublich gut aus.“
Richtig harte Männer gehen noch weiter.
„Schau mal, da ist `ne richtig kleine Familie. Die sehen glücklich aus, oder?“
Die Frau zuckt also zusammen und ist irritiert. Er erwähnt Schlagworte, die er sonst immer vermeidet? Schlagworte, nach denen sie sich sehnt?
Während sie kurz verwirrt ist und darüber nachdenkt, ob ihre räumliche oder körperliche Trennung bei ihm eventuell eine Erkenntnis ausgelöst haben könnte, geht der Angreifer in Phase 2 über.
Auch Marc tat das.
„Ich weiß nicht, wie ich das alles ausgehalten habe, so lange, ohne...darüber zu reden.“
Trauriger Blick.
„Danke. Ohne dich wär ich nichts.“
Ooooh. Jetzt tat er mir aber wirklich Leid.
Aber halt. Phase 2 war natürlich nichts anderes als ein plumper Versuch, alle Schuld der Welt auf sich zu laden. Für eine Sekunde behauptet der Mann, die Frau sei der Schlüssel zu seinem Glück und trifft damit natürlich in 99 Prozent aller Fälle ins Schwarze, da sich der Helferkomplex des Gegenübers explosionsartig zu freuen beginnt.
„JUHUUU! ER IST NICHTS OHNE MICH!“
Der Körper wird mit Glückshormonen beschossen und während das Gehirn noch schreit: „Nein, das ist nur ein emotionaler Angriff“ wird es schon runter gefahren. Denn das Blut ruft: „Wir wollen nicht mehr im Gehirn sein! Wir wollen in die Gebärmutter und in die Brustwarzen, denn der Mann hat gesagt, dass er sich geändert hat!“
Der weibliche Körper schaltet das Gehirn also ab, weil er total froh ist, dass der Kriegt mit dem Mann vorbei ist. Der weibliche Körper ist ja nicht gerne im Krieg.
Das Blut verteilt sich also überall da, wo es eventuell schön sein könnte und das spürt der Mann.
Und er legt noch einen drauf. Mit Phase 3.
Phase 3 beginnt immer mit „Hast du dir schon mal vorgestellt...“
Je nach Frau fügt der Mann hier ihren ultimativen Traum ein.
„...ein Kind mit mir zu haben.“
„...mit mir zusammen zu wohnen.“
„...einen Brust OP finanziert zu bekommen.“
In unserem kleinen Fall wählte Marc, und das war nicht unklug, einen etwas philosophischeren Ansatz.
„Hast du dir schon mal vorgestellt, wie langweilig es wäre, wenn wir zusammen wären?“
Ja, also ich musste gestehen, dass er Phase 3 damit durchaus sehr interessant interpretiert hatte. Es war ein bisschen Sehnsucht drin, ein bisschen Sentimentalität, ein bisschen Ironie. Es war nicht einfach nur der Bauarbeiter, der die Tür auftritt und sagt: „Rosi, ich mach dir ein Kind.“
Nein, es war Marcs fiese Art, mich ein bisschen um den Finger zu wickeln, ein bisschen aufs Gas zu treten, währenddessen fummelte er so unklar an meinem Unterarm herum und mit der anderen Hand an meinem Ohr, mein Blut verließ meinen Kopf, ich merkte es. Es schoss überall hin, wo es nicht sein sollte. In meinem Körper wurde Frühling.
Und dann Winter.
00.11 Uhr
Ich hatte Marc meine Tuppa-Box auf den Kopf geschlagen.
Er war sichtlich irritiert. Phase 3 wehrt nicht jede ab.
Ich: „Marc, das reicht alles nicht.“
Er: „Ich weiß gar nicht, was du meinst, wir haben doch nur geredet.
(Das ist das gemeine an emotionalen Angriffen, es wird wirklich nur geredet und vielleicht ein bisschen gekrault)
Ich: Ich weiß sehr gut, was du...dings...das weißt du schon. Und ich kann dir eines sagen. Wenn du mich zurückwillst, also abgesehen von der Tatsache, dass du mich nie hattest, also...
Er: Körperlich?
Ich: Äh, ja, genau, also nach allem, was passiert ist. Dann kannst du dir eine andere Masche überlegen.“
Entschieden stieg ich aus und eilte aufs Haus zu. Er sah mir aus dem Auto nach. Ich hasse das. Er guckte mir garantiert auf den Arsch und verglich meinen Gang mit dem von anderen Frauen und vermutlich gab es auch so was wie eine TOP 5 der MOST SEXY BELEIDIGT ABZISCHENDEN MÄDELS in seinem Kopf und wenn ich nicht schon wieder über den scheiß Gartenzwerg gestolpert wäre, dann wäre ich vielleicht auf Platz 5 gekommen.
Ich steckte den Schlüssel ins Schloss. Marc rief mir etwas nach.
„Welche Masche hättest du denn gerne?“
Er grinste schon wieder. Man hörte es an seiner Stimme. Er nahm es einfach nicht ernst.
Ich ignorierte ihn, dreht mich nicht um, trat ein, knallte die Tür zu.
00.22 Uhr
Und als ich aufs Bett fiel, hoffte ich inständig, dass er es wusste, welche Masche jetzt noch helfen würde. Denn gab nur noch eine. Er hatte nur noch eine einzige Möglichkeit.
Um mich kämpfen.