Kühlraum.
21 Uhr und Minus 22 Grad.
Bin immer noch eingeschlossen und rechne mit körperlichem Verlust in T Minus 60 Minuten.
Okay, ich höre noch nicht auf zu atmen.
Atme immer noch.
Wahnsinn, man sollte mich auf eine Polarexpedition schicken, scheine mich für die Kälteverhältnisse recht gut zu halten.
Eine Idee wäre es natürlich, irgendwo in diesem verdammte Kühlraum nach einem Temperaturregler zu suchen, aber...nein, es ist so schön gemütlich auf dem Boden. Ich will nicht mehr aufstehen, ich bin so unendlich müde. So müde war ich das letzte Mal auf dem Gymmi, als ich verzweifelt versucht hatte, über die Rosengitter ins Haus von Susanne Krupp zu kommen um mich auf ihre Faschingsparty einzuschleichen (bei der ich offiziell ausgeladen war). Dummerweise brauchte ich geschlagene vier Stunden, um mich zwei Meter hochzuarbeiten und als ich dann endlich total fertig durchs Küchenfenster eingestiegen war, war die Party vorbei und Susannes Mutter fand am nächsten Morgen eine sehr dicke Prinzessin vor, die mit dem Kopf an der Spülmaschine lehnend vor sich hinschnarchte.
21.41h
Nein, irgendwer muss mich retten! Ich bin nicht verheiratet, ich habe mein Idealgewicht noch nicht mal für ein paar Sekunden erreicht, meine Doktorarbeit ist endlich eingereicht – so geht das nicht. Irgendwer muss mich retten.
21.44h
Okay, ich muss optimistisch bleiben. Optimismus hält einen über Wasser. Also, Kälte ist gut für...meine Haut. Ich werde schön frisch und knackig aussehen, wenn ich hier rauskomme. Andere Frauen legen sich unters Messer und Gretchen haut sich einfach mal ein paar Stündchen in den Kühlraum.
Außerdem...außerdem verpasse ich das Abendessen. Das ist gut. Das sind 900 Kalorien, die ich einspare. Wenn ich jetzt noch die dreitausend abziehe, die ich beim Frieren und Bibbern verbrannt habe, dann ist das...
OH MEIN GOTT!
Das ist mein Negativ-Kalorien-Rekord seit der Fischvergiftung an Weihnachten 2004! Ich dreh durch! Ich könnte sterben vor Freude!
Oh richtig, ich bin dabei.
21.47h
Okay, Großhirn an Diätzentrum: Bitte beenden Sie den Schönheitswahn. Sie sollten dringend etwas essen, um ein bisschen Energie zu produzieren.
Stimmt. Gut. Gut, Gretchen. Du ziehst dich jetzt ein letztes Mal hoch und wirst irgendwas zu essen finden. Irgendwas Essbares wird hier doch eingelagert worden sein. Gibt es nicht auch diesen Film, in dem eine Mannschaft eines mir unbekannten Sports (ich erkenne sowieso nur Tennis, am Geräusch) in den Anden notlandet und sich dann von den Leichen der Erfrorenen ernährt?
Verdammt, wenn die das schaffen, dann doch ich erst Recht.
Keine Leichen im Kühlraum.
Bin erleichtert.
Wir haben das Sperma von Knechtlsdorfer.
Nein. Tut mir Leid. Mein Überlebenswillen scheint Grenzen zu haben.
Ansonsten: Chemikalien.
Habe den Temperaturregler gefunden.
Schön. Man braucht ein Passwort.
WIESO BRAUCHT MAN EIN PASSWORT FÜR EINEN TEMPERATURREGLER? ICH DREH DURCH! ICH DREH DURCH!
22.21h
Meine Bewegungslosigkeit hat das Niveau vom Bullen von Tölz erreicht.
Ich kann mich so gut wie nicht mehr bewegen. Man könnte mir jetzt einen Fernseher vors Gesicht stellen und mich dazu zwingen Anna und die Liebe zu gucken und ich könnte nichts machen. Gut, vielleicht würde ich noch ein Minütchen früher sterben als so.
22.24h
Hatte schon leichte Erfrierungserscheinungen am rechten Unterschenkel (könnte aber auch Rasurbrand sein) als ich Schritte hörte. Mit letzter Kraft klopfte ich an die Tür. So leise, so schwach, dass ich es fast nicht glauben konnte, als sie aufging. Ich bin mir zumindest sicher, dass die Tür aufging.
Unter Umständen war es auch nur das vieldiskutierte Licht am Ende des Tunnels. Jemand stand im gleißenden Gegenlicht.
Okay, wenn das jetzt Gott war, dann war er, ohne blasphemisch sein zu wollen, sehr sehr zärtlich und hatte definitiv Übung darin, sehr schwere Frauenkörper so zu heben, dass sie federleicht vorkamen.
Er hob mich auf seine Arme, ich konnte die Augen nur einen winzigen Spalt öffnen, sah fast nichts, meine Wimpern waren gefroren, mein ganzer Körper zitterte, ich wollte sagen, was zu tun war, man wusste ja nie, ob Gott einen Erste Hilfe Kurs gemacht hatte, aber er drückte mich fest an sich und er war so warm. So schön warm, dass ich erleichtert wieder ohnmächtig wurde. Doch für eine Sekunde wusste ich, wer es war, der mich gerettet hatte. Es waren nicht meine Augen, die ihn erkannt hatten, sondern mein Herz. Es war die Art, wie er mich hielt. Es waren die konsequenten Schritte, mit denen er mich über den Flur trug. Es war die Vertrautheit, mit der er mir dir Klamotten vom Körper streifte.
Es war Marc Meier.
Meine Gebete waren erhört worden.
Ich war am Ende meiner Reise angekommen.
Ich hatte dem Tod in die Augen sehen müssen, um ihn endlich zu bekommen.
Marc Meier hatte mich gerettet.