Dienstagnacht
22.12 Uhr
Fernsehprogramm war doof.
Na toll, das heißt, ich muss grübeln.
Leute, wirklich, da muss man mal was ändern. Wo kommen wir denn da hin, wenn das Fernsehprogramm uns noch zum Denken motiviert.
Habe kurz überlegt, mich im Internet über die Parteiprogramme zu informieren und mich dann doch lieber für mein Lieblings-Grübel-Keks-Mampf-Schwer-Seufzen-Thema entschieden:
MARC MEIER UND ANDERE MÄNNERKRANKHEITEN, GEGEN DIE MAN SICH NICHT IMPFEN KANN
Wieso wird uns Frauen eigentlich schon in der Kindheit eingeredet, dass das Macho-Verhalten von den Männern im Grunde genommen nur ihre Art ist uns zu zeigen wie gern sie uns haben? Also praktisch schon im Sandkasten: „Hey, er meint das nicht so. Die zwei Tonnen Sand, unter denen er dich gerade ersticken wollte, waren eigentlich nur nett gemeint. Er ist halt ein bisschen schüchtern…“. Egal wie mies sie sich verhalten, egal wie viele Intrigen sie schon in der Grundschule gegen uns inszenierten – alles nur ein Zeichen von Zuneigung? Hätte Peter so gesehen vielleicht noch eine Chance geben sollen. Ich meine, die Affäre mit seiner Arzthelferin war bestimmt nur seine Art zu zeigen, wie sehr er mich liebt. Und Marc wollte mit dem Heiratsantrag an Gabi bestimmt auch nur seiner Zuneigung mir gegenüber Ausdruck verleihen. Oder Mehdi. Er kehrt zu seiner Frau zurück, aber NUR, weil ICH die Richtige bin.
Man kann sich wirklich jedes Problem schönreden.
Rede mir gleich mal meinen Leberfleck schön. Der sitzt nämlich auf dem Handrücken und sieht gar nicht aus wie ein Leberfleck, sondern eher wie ein Altersfleck.
23.47 Uhr
Hatte gerade meinen neuen Roman „Fremd Flirten“ zur Hälfte durch (der Titel soll vermutlich nicht auf das pathologische Verhalten meine Exfreunde anspielen, tut er aber) angefangen, als: RING RING. Mutti ruft an. Aus Indien.
„Mutter, was das kostet?!“
(Hoffte, sie legt schnell wieder auf. Warnung hat das Gespräch leider auch nicht verkürzt. Geld spielt offenbar keine Rolle mehr in ihrem Leben. In der dritten Welt fühlt sie sich vermutlich wie Krösus)
Sie hat ständig indische Worte benutzt. Sie macht sich schon Hoffnungen, dass ich doch keine Chirurgin werde, nur weil ich mal EINE WOCHE Urlaub habe.
„Ach, wohin fliegst du denn?“
„Nach Mallorca“
„Wieso denn nicht nach Afrika?“
„Wieso sollte ich nach Afrika fliegen, Mutter? Oh, jetzt wird es aber sehr teuer.“
„Geld spielt keine Rolle, Schatz. Na, in Afrika könntest du doch Kindern helfen.“
„Mutter, denen kann ich hier auch helfen.“
„Hast du Peter mal angerufen?“
„Nein, was hat Peter jetzt mit Afrika zu tun?“
„Peter wollte doch immer Kinder.“
„MUTTER!“
„Margarethe, du weißt, du wirst bald 30.“
„Jetzt kostet es bestimmt schon 10 Euro oder so“
„Lenk nicht ab, Gretchen.“
„Papa will mit dir sprechen“
„Nein, ich will deinen Vater nicht sprechen.“
„Aber ich will nicht mit dir sprechen.“
„Dein Körper will ab 30 keine Kinder mehr kriegen, denk daran.“
„Doch. Mein Körper will essen und Kinder kriegen. Und zwar vermutlich, bis ich 60 bin.“
„Hmm. Hmm. Sag mal, isst du denn genug?“
„Ja, leider.“
„Und sonst?“
STILLE.
„Ja, Mama, ich muss jetzt auch los.“
„Hast du ein Date?“
„Hmm. Genau. Mit dem Nachtmagazin.“
23.59 Uhr
Nein, ich bin eine starke Frau und ich brauche keinen Mann um glücklich zu sein. Glaube ich.
02.39 Uhr
Ich habe kalte Füße und ich bin einsam.
Ich brauche doch einen Mann.
Definitiv.
Für heute tut es auch die Heizdecke.
Die Heizdecke bräuchte dringend eine Massage-Zusatzfunktion. Das erfindet natürlich wieder keiner. Dabei wäre das wirklich wichtiger, als Joghurt, der die „Verdauung anregt“. Ich kann das nicht mehr hören. Ständig dudelt es auf allen Kanälen, dass der Joghurt meine Verdauung anregt. Liebe Freunde der Werbung, ich will das ESSEN. Und zwar, weil ich HUNGER habe, nicht weil ich schön auf Toilette will.
03:34 Uhr
Ich denke, es wird Zeit für mein Testament. Wenn ich mit meinem Ferienbomber auf dem Flug nach Mallorca irgendwo im Mittelmeer verschollen gehe, sollen meine Eltern wissen, was sie mit meinen kostbaren Habseligkeiten anfangen sollen.
DER LETZTE WILLE
VON GRETCHEN HAASE
(klingt wie ein Roman, ist aber leider nur mein Testament)
Oh Gott, ich kriege Gänsehaut. Ich komme mir vor, wie eine alte reiche Frau, die schon seit Jahrzehnten alleine in ihrer Marmorvilla in St.Tropez wohnt und so langsam spürt, dass der Tod in ihre Glieder fährt, weswegen sie jetzt ihre Dienstmädchen zusammentrommelt: Man möge doch mal alle Brillies und Goldketten zusammensuchen, außerdem die Goldvertäfelung aus dem Meerwasser-Pool schlagen, den Oldtimer-Fuhrpark entstauben, das Bernsteinzimmer aufschließen und alles fotodokumentarisch katalogisieren, damit man sich mal ein Bild vom Ausmaß des Reichtums machen und das Erbe unter ihren vierzehn Urenkel anständig aufteilen könne.
So, was haben wir denn so...?
Goldschmuck:
1. Kette, ist aber vermutlich kein Gold, ist nämlich vom türkischen Flohmarkt, hat nur 50 Euro gekostet (auch nur, weil ich nicht verhandeln kann) und wenn man dran kratzt, geht die Farbe ab. Kann man aber mit goldenem Edding wieder restaurieren. Die kriegt meine Mutter. Da freut sie sich. Zumindest hat sie dann etwas, das sie an meinem Grab theatralisch in ihre Faust schließen kann, während sie sich überlegt, ob die Blumengestecke wirklich zum Sarg passen und meinen Vater zischend ermahnt, jetzt habe er ja doch die falschen Manschettenknöpfe angezogen, sie habe ihm doch alles rausgelegt, wie sehe das denn aus, wenn er auf der Beerdigung seiner einzigen Tochter schlecht angezogen sei. Wobei meine Mutter wohl weniger unglücklich über meinen Tod an sich wäre, als vielmehr über die Tatsache, dass ich unverheiratet gestorben bin.
Perlenschmuck:
1. Holzperlen allerdings, aber ist ja egal. Hat ja auch ideellen Wert für die Menschen, die mich liebten. Wer liebt mich eigentlich? Oh nein, ich glaube, ich habe gar keine würdigen Erben. Außer meiner Familie liebt mich nämlich keiner, sonst wäre ich ja wohl nicht mehr Single.
Holzperlen spende ich einfach. Vielleicht einem Kindergarten oder so. Die Kleinen können ja damit basteln. Im Kindergarten bastelt man ja sonst eher mit Kastanien und gammeligem Laub, da werden so ein paar Perlen doch eine willkommene Abwechslung sein. Füge vielleicht noch hinzu: „Ist zwar kein Lego, aber bitte nicht verschlucken, da sonst Erstickungsgefahr“. Das wäre natürlich sehr peinlich. Gerade im Himmel angekommen auf einen kleinen Jungen zu treffen, der mir erst mal saftig gegen das Schienbein tritt.
„Bist du die blöde Assistenzärztin, die meinem Kindergarten die riesigen Holzperlen vererbt hat? Vielen Dank, auch, ich dachte, das wären Bonbons, bin dran erstickt und zwar bevor ich mein Transformers-Stickeralbum voll hatte!“
„Das tut mir Leid, willst du vielleicht diese kleine goldene Kette haben, die meine Mutter in mein Grab geschmissen hat, weil sie gemerkt hat, dass sie wertlos ist und mit Edding restauriert wurde?“
Ob man im Himmel überhaupt reden darf? Hoffentlich nicht. Als Ärztin wird man sicher dauernd auf irgendwelche Weh-Wehchen angesprochen, die zum plötzlichen Dahinscheiden geführt haben.
„Entschuldigung, können Sie sich das mal angucken? Das ist doch gutartig, oder?“
„Äh, ich hab hier oben leider keine histologischen Möglichkeiten.“
„Aber Sie sind doch Ärztin.“
„JA! ABER ICH BIN EBENFALLS TOT!“
„Ach und wieso?“
„ABGESTÜRZT!“
„Mit einem Mann?“
„NEIN! MIT EINEM SCHLECHT GEWARTETEN FLUGZEUG!“
So, meine Klamotten will eh keiner haben und meine Tagebücher bitte alle verbrennen. Marc Meier bitte mitteilen, dass ich ihm alles Gute für seine Hochzeit mit Schwester „KAMPF-UNTERWÄSCHE“ Gabi wünsche. Er muss ja nicht wissen, dass ich ihn hasse, hasse, hasse. Oder liebe, liebe, liebe? Ach, es ist aber auch nicht einfach. Und so kurz vorm Tod kann ich mich wirklich nicht konkreter mit meinen Gefühlen auseinandersetzen, bringt ja auch nichts mehr.
Richtig, deswegen fahre ich ja in den Urlaub. Marc vergessen. Kaan vergessen. Meine Zukunft vergessen. Die ich eh nicht habe.
04.44 Uhr
OH GOTT! ICH BIN FAST 30 UND ICH VERREISE ALS SINGLE? Ich dreh durch.
Ganz ruhig, ich nehme ja Jochen mit.
04.45 Uhr
OH GOTT! ICH BIN FAST 30 UND ICH VERREISE MIT MEINEM KLEINEN BRUDER? Ich dreh durch.