MITTWOCHMORGEN
05.56 Uhr
Ich habe alle aufgeweckt. Spiele leider kein Instrument, also musste ich rütteln.
Man muss doch zwei Stunden vorher am Flughafen sein und ich kriege meinen Koffer nicht zu.
Mein Vater hat mir gnädigerweise geholfen indem er meinen Wintermantel, drei Paar Stilettos und sieben der zwanzig Hüft-Tücher aus dem Koffer entfernt hat. (Wie soll ich denn ohne Hüfttücher am Strand aufschlagen? Das wird eine einzige Schmach, „SCHIEBT SIE ZURÜCK! ODER BEFEUCHTET IHRE HAUT! HAT JEMAND IHRE HERDE IN DEN WELLEN GESEHEN?)
Die Schwimmflossen habe ich aber durchgekämpft. Obwohl meine Nase immer läuft, wenn ich im Salzwasser schwimme. Ist ja egal, ob ich blöd aussehe, ich will ja keinen kennenlernen.
05.59 Uhr
Ich hab die Schwimmflossen ausgepackt. Will nämlich eigentlich doch wen kennenlernen. Ich reiße auf Mallorca einen reichen, gutaussehenden Typen auf, dem die halbe Insel oder so gehört, am besten, ihm gehört gleich die Fluggesellschaft, dann kann ich Business zurückfliegen, jedenfalls kehre ich einfach mit Zukunft und am besten noch mit vier total süßen Kindern zurück.
Scheiße, bin ja nur eine Woche weg, da werde ich wohl kaum vier Kinder gebären können.
Egal, wo es streunende Hunde gibt, wird es ja wohl auch ein paar Kinder zu adoptieren geben.
06.20 Uhr
Sonnencreme LSF 50 für den Körper. LSF 60 fürs Gesicht. LSF 12 für die Beine.
Ups, muss meine Beine rasieren.
06.31 Uhr
Habe ein BLUTBAD angerichtet.
Mein Bein ist total hinüber.
Wenn man Antonia Rados auf meine Wade stellen würde, bekäme man glatt eine Live-Schaltung zu Peter Kloeppel hin.
„Hallo Peter, befinde mich hier an der Wade. Wie du siehst, ist die Gegend ein einziges Schlachtfeld. Blut fließt, die Landschaft bis zum Knie wird für Jahre für Männerhände uninteressant bleiben. Präsident Obama denkt darüber nach, seine Blauhelme zu schicken, um kosmetische Aufbauarbeit zu leisten.“
„Ja, Antonia, vielen Dank für diese schrecklichen Bilder. Und jetzt zum Sport.“
Ein Tipp für alle, die mein Tagebuch in einem Mülleimer finden: Bitte verwenden Sie nicht das Aftershave ihres Vaters für Rasierwunden. Gott, brennt das. Wenn es nicht schon so spät wäre, würde ich mir vor dem Flug noch schnell das Bein amputieren.
P.S.: Ach so. Was wühlen Sie eigentlich in fremden Mülltonnen? Ganz schön unhöflich.
09.01 Uhr
Unverschämtheit.
Wollte am Notausgang sitzen, da sagt das bebrillte Kind von Bodenpersonal doch tatsächlich, dass sie nur noch sportliche Menschen am Notausgang haben wollen. Ich sei im Notfall nicht geeignet, die Tür zu öffnen und das Flugzeug zu verlassen, ohne, dass es sich „hinter mir staue“. Wollte dann mal genau wissen, wieso sich das hinter mir stauen würde und sah das ganze als Angriff auf meinen Allerwertesten.
„Ich bin sehr wohl sportlich.“
„Ich sagte SPORTLICH GEKLEIDET“
Sie fand, dass man mit 10 Zentimeter-Absätzen nicht am Notausgang sitzen sollte.
Na gut, da hat sie recht.
Aber mit flachen Schuhen bin ich immer so klein. Und im Flugzeug sind doch oft viele interessante Män...also Menschen.
10.48 Uhr
Sitze jetzt doch am Notausgang.
Ein sportlicher Mann hat mit mir getauscht. Fand mich wohl süß.
Vielleicht auch, weil ich sehr elegant auf 10 Zentimetern durch die Kabine stolziert bin.
Witzig.
Muss schmunzeln.
Drehe mich noch mal zu ihm.
Ach, jetzt guckt er.
Ach nee, er guckt gar nicht.
Aber seine Freundin, neben der er sitzen wollte, guckt.
Uh, die guckt aber böse.
Blättere gleich mal beiläufig im Bord-Shop-Katalog und kaufe vor lauter Übersprungshandlung einen aufblasbaren Jumbo-Jet.
(Für die Kinder, die ich adoptiere. Die haben ihr Leben lang nur Kleber geschnüffelt und kennen ja kein gutes Spielzeug.)
11.21 Uhr
Ich glaube, wir stürzen ab. Wie doof. Jetzt habe ich mein Testament aus Versehen mit im Flugzeug, das macht ja nun wirklich gar keinen Sinn. Ich meine - GOTT, es ruckelt, ich glaube, wir sind im Auge eines Orkans – soweit ich weiß, suchen Menschen nach dem Flugschreiber, aber wohl kaum nach einem zerlaufenen Testament. Man sollte wirklich ein paar Seehunde dazu ausbilden, zwischen den Trümmern nach Testamenten zu suchen. Da würde sich aber einiges ändern in der Welt, wenn nach Monaten des Leids der eine oder andere Goldvorrat doch noch seinen rechtmäßigen Erben fände.
11.25 Uhr
Himmel, jetzt stellen sie den Service ein.
Ich hätte dann doch noch gerne einen letzten Tomatensaft.
Und aufs Klo muss ich auch.
Ist ja auch eigentlich egal, ob man nun auf dem Stuhl oder auf dem Klo sitzt, wenn man abstürzt.
11.31 Uhr
Habe mich den Turbulenzen gestellt und durch die Reihen aufs Klo gekämpft.
(Hohe Absätze plus Turbulenzen gleich: KOTZWALK statt CATWALK)
Konnte gerade so in die Toilette stolpern. Die werden auch immer kleiner.
Hatte mich gerade aus den diversen Schichten gepellt, mit denen ich die starken Temperaturschwankungen an Bord ausgleichen wollte und den Toilettendeckel mit tausend Reinigungstüchern benutzbar gescheuert, da wummerte es schon gegen die Tür.
„BESETZT!“
„DIE ANSCHNALLZEICHEN SIND ANGESCHALTET, BITTE BEGEBEN SIE SICH AUF IHREN PLATZ!“
„JA, GUT. GERADE IST ES SCHLECHT. ICH SITZE AUF DER TOILETTE“
Scheint über den Wolken kein gültiges Argument zu sein.
Nach drei Minuten haben sie die Tür förmlich aufgestemmt, ich konnte mir gerade noch so die sieben Schichten Textil hochziehen, da keiften bereits drei angebliche Männer in kecken Uniformen auf mich ein, ich möge mich sofort zu meinem Platz begeben, ich gefährde ja meine eigene Sicherheit.
Bin beleidigt davon gestolpert und habe noch mal sehr deutlich darauf hin gewiesen, dass es angesichts des Treibstoffverbrauchs heutiger Flugzeuge wohl wirklich andere Probleme an Bord gebe und überhaupt, was denn mit dem Service passiert sei. Früher konnte man noch zwischen Chicken und Beef entscheiden und heute hat man nur noch die Wahl zwischen einem salzigen und einem süßen „Snack.“?
Da haben alle geklatscht. (Obwohl wir noch gar nicht gelandet waren)
11.43 Uhr
Gott, das tut gut, wenn man die Menge so richtig aufgehetzt hat.
Sie hatten mich mit ihrem Applaus zur Anführerin gewählt, mit der sie die Service-Wüste Airline stürzen wollten.
Da lag Revolution in der Luft. Zwei Rotweine mehr und wir hätten die Bordküche gestürmt.
Jochen schämt sich schon wieder für mich. Habe ihm erklärt, dass sich die Welt nie verändern wird, wenn nicht mal ein paar mutige Frauen den Mund aufmachen. Siehe...äh...ja, man weiß ja, wen ich meine. Dings und Dings. Jedenfalls sehe mein SUPER guter Freund Björn das auch so.