FREITAG
Stehe seit zwei Stunden vorm Spiegel und muss grinsen.
Nein, ich habe nicht sichtbar abgenommen und auch keinen anderen körperlichen Grund zur Freude.
Aber : Ich habe einen festen Freund!
ICH HABE EINEN FESTEN FREUND!
OH GOTT! ICH DREH DURCH!
Okay, das klingt ein bisschen bescheuert. Ich will es mal erwachsener ausdrücken:
„Ich gehe jetzt mit Alexis von Buren.“Oh Gott, wenn das hier jemals jemand liest, dann bin ich so geliefert, aber egal. Ich kann machen, was ich will. Es fühlt sich nun mal an wie siebte Klasse Landschulheim. Als ob er mir einen Zettel zugesteckt hätte, auf dem steht:
Willst du mit mir gehen, dann kreuze an.
JA ( )
NEIN ( )
VIELLEICHT ( )
Und ich gehörte noch nie zu den Mädchen, die „nein“ ankreuzen.
Okay, das klingt jetzt doch stark nach promiskuitivem Verhalten, aber jeder weiß, dass dem nicht so ist. Ich habe lediglich dermaßen wenige WILLST DU MIT MIR GEHEN Zettel in meinem Leben bekommen, dass ich halt einfach noch nie „nein“ angekreuzt habe. Eigentlich habe ich erst einen einzigen bekommen und der war von Sebastian Schewenborn. 7. Klasse. Er hatte es nicht einfach, weil er so hieß, wie das Buch „Die Kinder von Schewenborn“. Und denen ging es wiederum nicht so gut, weil ein Atomkrieg Probleme machte. Weil Sebastian aber dummerweise zwei nicht gleich große Ohren hatte, sondern links einen deutlichen Hang zur Segelbildung vorwies, hatte er bald den Spitznamen „ATOMOPFER“ weg. Das war fies. Und es tat mir schrecklich Leid. Nicht, weil ich so unglaublich gerecht war. Zu der Zeit verhielt es sich so, dass meine Brüste unterschiedlich groß waren, was Gott sei Dank keiner bemerkte – es gab ja Taschentücher – aber ich hatte grundsätzlich ein Herz mit allen, die unter verschieden großen Gliedmaßen litten.
Als man ihn auf der Sommerfete in einen riesigen Pappkarton mit einem AKW NEIN DANKE Aufkleber steckte, befreite ich ihn.
Daraufhin hieß es, „das Atomopfer bumst Hasenzahn“. Oder sagen wir so: MARC MEIER hielt das Gerücht aufrecht und behauptete tatsächlich, er hätte uns dabei erwischt, wie wir im Raucherkeller heimlich miteinander rumgemacht hätten. Das war eine Unverschämtheit. Erstens hielt ich mich nie im Raucherkeller auf. Und zweitens fand ich Sebastian total unerotisch. Er war sehr klug und etwas übergewichtig. Außerdem trug er eine Brille und hatte keine Frisur. Oder anders gesagt: er sah genauso aus wie ich. Das fiel mir aber erst auf, als ich uns gemeinsam auf dem Gruppenfoto sah, das jedes Jahr von allen Schülern gemacht wurde.
„Wir sehen scheiße aus“, stellte ich fest und schlürfte meinen Kakao-Drink. „Ja, aber wenn man als Teenager scheiße aussieht, wird man später ein echter Knaller“, erwiderte er und zog mit dem Lineal eine Linie in sein Matheheft.
(Er machte ständig Hausaufgaben. Auch die, die wir noch gar nicht aufbekommen hatten. Das fand ich irgendwie aufregend.)
Ich: „Hast du Beweise für diese Theorie?“
Er: „Nein, aber ich habe einen ziemlich konkreten Bauplan für eine Zeitmaschine. Gib mir ein paar Monate und ich werde in die Zukunft reisen und ein Foto von uns machen.“
Ich hielt das für ausgesprochen schlagfertig und ließ mich auf einen feuchten verklemmten Kuss ein.
Daraufhin verliebte er sich in mich (trotz Zahnklammer war ich eine ziemlich gute Küsserin) und schrieb mir den ersten und einzigen WILLST DU MIT MIR GEHEN ZETTEL meines Lebens.
Ich hatte aber vier Alternativen zum Ankreuzen:
JA
NEIN
VIELLEICHT
ZUMINDEST SOLANGE BIS MARC MEIER MICH WILL
Ich fand das recht charmant und kreuzte JA an, obwohl ich eigentlich C meinte.
Daraufhin begann eine sehr merkwürdige „Beziehung“.
Wir trafen uns nach der Schule und gingen zu ihm. Seine Mutter hatte eine Zoohandlung mit einer Abteilung für nachtaktive Tiere, weswegen sie eine Erlaubnis für verlängerte Ladenöffnungszeiten hatte und so gut wie nie Zuhause war. Und sein Vater war tot. Deswegen hatte er ziemlich viel Freizeit. Die investierte er aber nur auf den ersten Blick in mich.
Die meiste Zeit saß ich auf einem kleinen Hocker in der Garage und durfte mich nicht bewegen, damit ich nichts durcheinander brachte. Schrauben, Werkzeug etc. Er meinte das nämlich ziemlich ernst mit der Zeitmaschine und baute tatsächlich eine. Ich bin mir nicht sicher, ob er verrückt oder genial war. Jedenfalls hatte er eines Tages eine Metallkapsel gebaut, die aussah wie ein großes Tee-Ei. Die Steuerung erfolgte über einen Atari Computer.
Die nächsten Wochen verbrachte ich IN dieser Kapsel, denn er hatte mich dazu auserkoren, der erste Mensch zu sein, der in die Zukunft reisen würde. Später bekam ich heraus, dass er vergeblich versucht hatte, einen Schimpansen zu besorgen. Dieses Experiment legte also den Grundstein für mein lebenslanges Problem bei Männern nur die zweite Wahl zu sein.
Irgendwann gewöhnte ich mich an den Helm und die vielen Kabel, die aus der Steckdose in die Kapsel führten und hatte keine Angst mehr. Ich brannte insgesamt vier Mal, wurde aber rechtzeitig gelöscht, und verlor einen halben Schneidezahn als sich der Ventilator löste und mir ins Gesicht knallte.
Aber Sebastian tat mir so Leid und ich wünschte mir mehr als alles andere auf der Welt, dass seine Maschine funktionierte. Ich hatte nämlich die fixe Idee, dass, WENN sie funktionierte, ich unter Umständen meine Hochzeit mit Marc Meier miterleben könnte. Natürlich hätte ich mich ruhig verhalten und nichts gesagt. Vielleicht hätte ich ein paar heimliche Fotos gemacht, wäre zurück in die Vergangenheit gekehrt und hätte den Rest meiner armseligen Jugend etwas glücklicher verbracht. Schließlich hätte ich gewusst, worauf es hinausläuft.
Außerdem hatte ich Sebastian gegenüber ein schlechtes Gewissen. Er wusste ja, dass ich eigentlich Marc Meier liebte (vierte Ankreuz-Option) und nicht ihn - und ich fand es gerecht, dass ich ihm dafür bei seinem Experiment half.
Nun gut. An dem Tag, an dem die Zeitmaschine dann explodierte (er hatte es mit einem Benzin-Antrieb versucht) saß Gott sei Dank nicht ich, sondern Sebastian selbst in der Kapsel. Ich war beim Voltigieren.
Ich besuchte ihn noch zwei Mal im Krankenhaus und dann kam er in ein Waisenhaus. Man hatte wohl festgestellt, dass nicht nur sein Vater, sondern auch seine Mutter tot waren und er seit zwei Jahren alleine lebte.
Komisch. Es war immer sehr ordentlich bei Schewenborns, es gab immer vorgekochtes Essen und jeden Tag lag ein kleiner Zettel seiner Mutter auf dem Tisch, auf dem sie ihm einen schönen Tag wünschte und ihn bat, mich von ihr zu grüßen. Er war vielleicht nicht ganz dicht, aber dafür wirklich sehr anständig und verantwortungsvoll. Ich hoffe, er hat eine nette Familie gefunden und sein Abi geschafft.
DONNERSTAGHatte keine Zeit zu schreiben.
Alexis und ich unternehmen sehr viel. Wir sind eindeutig in der Phase, in der man ALLES toll findet, Hauptsache, man ist zu zweit. Ich finde, ich mache mich recht gut als Millionärs-Freundin. Allerdings machen wir ziemlich viele bodenständige Sachen.
Wir essen Currywurst, gehen in den Zoo, lauter Sachen, die sich jeder leisten könnte. Ich vermute, er will mir beweisen, dass er ganz normal ist. Finde ich irgendwie süß.
MONTAG
Wir sind jetzt eine Woche zusammen.
Es wird Zeit, dass ich es meinen Eltern sage.
DIENSTAG01.14 Uhr
FEHLER! GROSSER FEHLER!
Meine Mutter liegt immer noch auf dem Sofa und mein Vater musste ihr einen Zugang mit Beruhigungsmitteln legen.
Sie ist fast ausgeflippt, als ich ihr die frohe Botschaft mitgeteilt hatte und spricht ständig von Hochzeit und Kindern und Internat und kleinen Schuluniformen und einem Haus in Aspen und einer Privatinsel in der Karibik. Das liegt nur daran, weil sie ständig „DAS LEBEN DER SUPERREICHEN“ auf RTL guckt. Sie würde auch „KACKE! DAS VEGETIEREN DER SUPERASOZIALEN“ gucken, sofern es nur von Frauke Ludowig moderiert würde.
19.21 Uhr
Heute hat Alexis mich von der Arbeit abgeholt.
Habe mich ein wenig drucksig verhalten und er hat schnell rausgefunden, dass ich meinen Kollegen noch nichts erzählt habe.
Gab ein bisschen Ärger. Er dachte, ich schäme mich für ihn. Habe ihm erklärt, dass ich mir nur sicher sein will, dass wir länger als eine Woche zusammen bleiben, sonst kann ich mir wieder von Marc anhören, dass kein Mann es mit mir aushält.
Alexis hat mir geschworen, dass wir länger zusammenbleiben als eine Woche. Er sah mich an.
Ich sah ihn an. Und fast hätte ich aus Reflex die drei Worte gesagt. Es reicht schon eine Kerze, ein netter Song, ein höflicher Blick und ich neige dazu, mich Männern an den Hals zu werfen. Das ist wirklich schrecklich. Ich bin ein richtiger Hund. Ein dummer großer Hund, der jedem übers Gesicht schleckt, der einmal mit ihm Gassi gegangen ist. Habe mir auf die Zunge gebissen.
„Schatz, du blutest.“
„Ich blute?“
„Ja, aus deinem Mundwinkel tropft Blut.“
„Oh.“
Wie gesagt, ich hatte mir auf die Zunge gebissen.
„Ich habe meine Tage.“
Bin dann einfach schnell gegangen.
20.02 Uhr
Habe ich wirklich gesagt, ich habe meine Tage?
22.15 Uhr
Dieses Mal lasse ich es langsamer angehen. Definitiv. Ich kann ihn nicht lieben, ich kann höchstens verliebt sein, aber mehr nicht. Alles andere wäre unsinnig. Und morgen sage ich es Marc. Ich muss es ihm sagen. Vielleicht macht er ja einen Aufstand. Das wäre aufregend. Vielleicht prügeln sie sich und... – OH GOTT. Bin ich nur mit Alexis von Buren zusammen, um Marc eifersüchtig zu machen?
02.44 Uhr
Habe die ganze Nacht darüber nachgedacht und natürlich keine Antwort gefunden. Wie auch. Ich bin mir selbst ein Rätsel. Und das schon mein Leben lang. Habe aus Langeweile bei Facebook Sebastian von Schewenborn gesucht und gefunden.
Er sieht SUPER aus. Musste weinen, weil ich so berührt war. Er hatte Recht. Habe ihm eine Nachricht geschrieben.
„Lieber Sebastian, die Zeitmaschine war wohl ein Reinfall, aber immerhin hattest du Recht. Wir sehen doch beide ganz anständig aus. Anbei ein Foto von mir. Es ist vorteilhaft. Das Licht ist gnädig. Ich ziehe meinen Bauch ein. Ich schaue leicht nach unten und ich habe zwei Pickel wegretuschiert. Ich dachte mir, dass du die Wahrheit erträgst. Du warst unter schrecklicheren Umständen mit mir zusammen. Viele Grüße, Gretchen“
Er hat geantwortet. Er war früher schon ein Nachtmensch.
„Gretchen. Ich habe oft an dich gedacht. Es tut mir Leid, dass du vier Mal gebrannt hast. Hast du inzwischen dein Kreuz an der richtigen Stelle gemacht?“ Musste gleich noch mal weinen.
Er ist so aufmerksam. Er war im Waisenhaus, er hat seine Eltern verloren, ist fast in einer Zeitmaschine explodiert – und er hat mich trotzdem nicht vergessen.
„Sebastian, über diese Frage denke ich gerade nach. Deine Zeitmaschine wäre nützlich, um das herauszufinden.“
„Gretchen, ich habilitiere gerade in Physik und Mathematik und wenn du willst, kannst du die Maschine mal ausprobieren. Sie funktioniert jetzt!“