MITTWOCH
22.14 Uhr
Habe eben Alexis rausgeschmissen. Er hat mir doch tatsächlich verboten Sebastian Schewenborn zu treffen. Unglaublich, was bildet er sich ein. Man bekommt nicht jeden Tag eine Einladung von einem Zeitmaschinen-Konstrukteur.
22.15 Uhr
Ich kann es nicht glauben. Wenn mein Freund mir verbietet, einen alten Freund zu treffen, dann bedeutet das:
DASS ER MICH LIEBT! ER IST EIFERSÜCHTIG! Herrlich, kann es gar nicht erwarten, dass er noch weitere schreckliche Verbote an den Tag legt.
„Entschuldigung, wo gehst du hin?“
„Äh, einkaufen?“
„Aber garantiert nicht in dem kurzen Rock. Zieh dir bitte was anderes an.“
Gibt es etwas schöneres, als wenn ein Mann auf eine sehr ungeschickte Art und Weise zum Ausdruck bringt, dass er Angst hat, seine Freundin zu verlieren? Ich denke nicht. Gut, leider wird Alexis nie diesen Satz sagen, denn ich trage keine kurzen Röcke. In meinem Fall würde er eher sagen: „Ach, du gehst was trinken und danach mit deinen Freundinnen in eine Kneipe? Dann zieh dir bitte den kurzen Rock und das bauchfreie Oberteil an, ich will sichergehen, dass dich kein cooler Typ angräbt.“
22.23 Uhr
Habe Alexis angerufen und ihm gesagt, dass ich weiß, was los ist. Ich habe ihm gesagt, mir ist klar, dass es ihm ernst ist und ich hoffe, ihm ist auch klar, dass er mir gerade das Angebot gemacht hat, richtig richtig richtig mit mir zusammen zu sein. Gut, ich habe es nicht so konkret ausgedrückt. Es war eher so:
Ich: Hallo.
Er: Du schon wieder.
Ich: Du verbietest mir also andere Männer zu treffen?
Er: Korrekt.
Ich: Mir war gar nicht klar, dass du einen türkischen Pass hast, du Macho.
Er: Tja, ich habe mal zwei Wochen Urlaub in Antalya gemacht.
Ich: Echt? Ich war mal in Izmir.
Er: Wieso rufst du an?
Ich: Ich WEIHEISS wieso du mir verbietest, andere Männer zu treffen.
Er: Wieso denn?
Ich: Ja, ich werde es bestimmt nicht sagen.
Er: Gut, ich weiß auch nicht, wovon du redest.
Ich: Du weißt sehr wohl, wovon ich rede.
Er: Nein, ehrlich gesagt weiß ich 80 Prozent der Zeit nicht, wovon du redest, deswegen versuche ich 100 Prozent der Zeit mit dir rumzumachen, dann hältst du wenigstens die Klappe.
Ich: Alexis, red bitte nicht drumherum.
Er: Gretchen, was möchtest du mir sagen?
Ich: Ich denke, du hast versuchst mir etwas zu sagen. Mit deiner Eifersucht.
Er: Wird das ein Beziehungsgespräch?
Ich: Das bedeutet, wir haben eine Beziehung?
Er: Ja, was dachtest du, was wir haben? Eine Fußballmannschaft?
22.27 Uhr
Habe aufgelegt, weil ich einen Kreischanfall bekommen habe, den ich aus Image-Gründen geheim halten musste. Er hat es zugegeben. Er hat eine Beziehung mit mir. Ein völlig neues Gefühl, dass ich akzeptieren werde. Eine total unbekannte Erfahrung, dass jemand mich an seiner Seite sieht. Ich sehe schon das Namensschild: GRETCHEN VON BUREN. Das klingt schon sehr mondän. Der Doppelname wäre natürlich auch eine Möglichkeit. GRETCHEN HAASE VON BUREN. Obwohl, nein, das klingt doch sehr nach angeheiratetem Trailerpark Trash. Hilary Swank kommt allerdings auch vom Campingplatz. Das heißt, es könnte ein Trend sein, dass man zu seiner recht niederen Herkunft steht. Ich könnte vielleicht so was wie die neue Diana werden. Die Adlige der Herzen. Auf Bällen würde man tuscheln: „Guck mal, sieht die nicht toll aus? Und sie ist nicht mal adlig.“
22.28 Uhr
Nein, nein nein nein, dieses Mal muss ich die Pferde ruhig halten. Ich muss mich konzentrieren nicht wieder alles kaputt zu machen. Ich darf auf keinen Fall zu anhänglich sein. Er braucht seine Freiheit.
Falsch. Ich brauche meine Freiheit. Ich bin...sehr...sehr...eigenständig. Ich bin eine sehr starke eigenständige Person. Ich neige nicht zum Kletten, ich brauche meinen Freiraum, ich...
22.32 Uhr
Alexis hat angerufen und gefragt, ob ich bei ihm schlafen will.
Er: Willst du rüberkommen?
OH GOTT. JA! JA!
Ich: Ach, neee, weiß nicht, ist schon spät.
Er: Ich kann dich ja abholen.
ER HOLT MICH AB? OH GOTT. JA! JA! JA!
Ich: Lass mal.
Er: Was ist denn los?
Ich: nichts, ich...du ich brauch einfach mal Zeit für mich.
Er: Okay, Nacht.
Was soll das denn jetzt heißen? „Nacht.“ Macht er jetzt Schluss, oder was?
Fühle mich sehr schlecht. War unter Umständen ein bisschen zu cool. Könnte ihn noch mal anrufen, aber dann merkt er, dass ich total irre bin und versuche auf cool zu machen und hinterher einzelne Worte zu interpretieren. Das ist wirklich eine sehr unschöne Angewohntheit von mir, ständig Angst zu haben, dass sich hinter einfachen Worten sehr böse Absichten und Liebesentzug verbergen könnten.
22.36 Uhr
Habe ihn noch mal angerufen.
Ich: Alexis, was meintest du eben?
Er: Womit?
Ich: Mit „Gute Nacht.
Er: Oh, viele Menschen in den Industriestaaten bringen damit zum Ausdruck, dass sie einem eine angenehme Nachtruhe wünschen.
Ich: Und das war alles, ja?
Er: Ich gehe davon aus, sonst hätte ich mehr gesagt.
Ich: Hast du Lust mich morgen abzuholen?
Er: Weiß nicht. Soll ich?
Ich: Ja, ich hab`s ja gerade vorgeschlagen.
Er: Du hast gefragt, ob ich Lust habe.
Ich: Ja, HAST Du Lust?
Er: Ja, wenn du willst.
Ich: Was soll das denn jetzt? Ich meine, ich würde dich ja wohl nicht fragen, wenn ich keine Lust hätte. Wenn du nicht willst, dann sag es doch einfach. Sag doch einfach, dass du Schluss machen willst.
Stille.
Er: Bist du bescheuert?
Ich: Ja.
Er: Gut, dann hole ich dich morgen ab. Nacht!
Ich: Obwohl ich bescheuert bin?
Er: Ja, was soll ich machen. Dafür liebe ich dich nun mal.
Ich: Okay, Nacht.
Er: Nacht.
22.45 Uhr
Hat er eben gesagt, dass er mich liebt?
Habe verzweifelt nach einer Papiertüte gesucht. Hyperventiliere LEICHT. Keine Papiertüte vorhanden. Musste zwei Minuten in einen Schuhkarton atmen. Der Geruch von Deichmann ist doch immer wieder ein Erlebnis.
03.24 Uhr
Habe die ganze Nacht wach gelegen und habe abwechselnd darüber nachgedacht, dass Alexis mich liebt und wieso der Winterschlussverkauf abgeschafft wurde. Ich mochte Winterschlussverkauf eigentlich ganz gerne. Andererseits bin ich gar kein großer Fan von Winterklamotten. Die tragen immer so auf.
Na ja.
DONNERSTAG
05.44 Uhr
Heute sag ich’s Marc.
Oh Gott, heute sag ich’s Marc.
Was zieh ich denn mal an?
So ein Moment ist ja schon eine recht große Sache. Man sagt seiner Jugendliebe nicht oft, dass man einen Freund hat.
Ich denke, ich werde etwas sehr Schlichtes wählen, damit er sich nicht provoziert fühlt.
Oder vielleicht ist es gerade gut, wenn ich sehr deutlich zeige, dass mein Leben weitergeht, auch ohne ihn. Dass ich glücklich bin. Gut, er ist ja weiterhin mein Chef, das heißt, ich sollte mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, sonst kriege ich den Rest meiner Assistenzzeit nur Blinddärme und Gallensteine.
14.02 Uhr
Marc ist so ein Arschloch.
Habe ihn gefragt, ob wir zusammen Essen wollen. Fand, dass es angebracht war, dass wir beide sitzen und er die Möglichkeit hat, einen Happen zu kauen oder einen großen Schluck zu nehmen, weil ihm erst mal die Worte fehlen würden, wenn er erfährt, dass ich nicht mehr auf dem Markt bin. Gut, ich hatte nicht erwartet, dass er weinend vom Stuhl kippt und sich „Aber ich liebe dich doch“ jammernd in meine Strumpfhose krallt, aber ein bisschen mehr hätte ich schon erwartet.
Ich: Marc, es ist etwas geschehen.
Er: Na, was denn?
Ich: Ich weiß nicht, wie ich es sagen soll.
Er: Dann behalt es doch für dich.
Ich: MARC! Ich habe einen Freund.
Er guckt nur.
Ich sehe ihn an, versuche den Schmerz in seinem Gesicht zu erkennen.
Muss er vielleicht weinen?
Möchte er in den Arm genommen werden?
Er: Kann ich mal das Salz haben.
Nein, er will nur das Salz. ER WILL DAS SALZ?
Ich: Marc, ich denke nicht, dass das eine angemessene Antwort ist.
Er: Auf welche Frage.
Ich: Auf die Neuigkeit.
Er: Welche Neuigkeit denn? Jetzt sag mir doch bitte die Neuigkeit.
Ich: Marc, ich habe einen festen Freund, bist du taub?
Er: Ja, gut, aber worüber wolltest du mit mir reden?
Ich: ÜBER MEINEN FREUND!
Er: Du kannst doch bumsen, wenn du willst. Gib mir endlich das Salz, du dumme Nuss.
Ich: Bitte?
Er: ICH SAGTE, DU KANNST DOCH BUMSEN WEN DU WILLST! GIB MIR DAS SALZ!
Ich: Marc, das hat die ganze Cafeteria gehört.
Er: Ja, ich hoffe. Es weiß doch eh jeder, dass das Essen hier scheiße gewürzt ist.
Ich: ICH MEINTE DAS MIT DEM SEX! ES HAT JEDER GEHÖRT, DASS ICH BUMSEN KANN WEN ICH WILL.
(Okay, jetzt hat es wirklich jeder gehört)
Er: Wir finden eh alle, dass du Sex brauchst. Du bist immer so angespannt und anstrengend und wir wissen ja alle, dass das daran liegt, dass du herzlich untervögelt bist.
Ich: BITTE WAS?
Er: Ja, ficken soll ich ja nicht mehr sagen.
Habe ihm meine Cola Light ins Gesicht geschüttet und die Cafeteria verlassen.
18.09 Uhr
Wir hatten drei OPs und er hat kein Wort mehr darüber verloren. Es ist ihm scheiß egal. Na schön. Gut, dann ist die Sache ja erst Recht geregelt. Als Alexis mich abgeholt hat, habe ich so lange mit ihm im Schwesternzimmer geknutscht, bis Marc uns gesehen hat. Keine Reaktion. Also von Marc. Alexis hatte eine Erektion. Das war mir sehr unangenehm, da auch fremde Menschen im Raum waren und ich glaube, ich bin jetzt offiziell die Krankenhausschlampe.
18.14 Uhr
Habe Dr. Hassmann in der Umkleide gefragt, ob ich jetzt offiziell die Krankenhausschlampe bin.
Sie meinte, ich sei schon seit längerer Zeit die Krankenhausschlampe. Aber wenn ich jetzt in einer festen Beziehung sei, dann sei der Thron ja wieder frei.
Oh mein Gott.
Ich habe Alexis gesagt, dass er mich leider nicht mehr von der Arbeit abholen kann, ich müsse jetzt ein bisschen keuscher rüberkommen.
Werde erst mal kein Make Up mehr tragen.
FREITAG
Okay, ich glaube, ich werde doch Make Up tragen. Bin heute Morgen ungeschminkt zum Frühstück runtergegangen und mein Vater hat vor Schreck seine Kaffeetasse fallen gelassen und meinte, wann ich denn den letzten Hepatitis Test gemacht hätte, ich sähe ja furchtbar aus.
Ich: Papa, ich bin ungeschminkt.
Er: Ach so. Also das heißt, dass du so nicht aus dem Haus gehst, oder?
Ich: ENTSCHULDIGUNG, DASS ICH EIN SEHR HELLER TYP BIN UND UNSCHEINBAR AUSSEHE!
Meine Mutter: Und wann heiratet ihr?
Ich: Mama, wir sind zwei Wochen zusammen, wir heiraten nicht.
Meine Mutter: Liebt er dich denn?
Ich: JA!
Meine Mutter also gleich den Sekt rausgeholt, weil Alexis mir gesagt hat, dass er mich liebt.
11.34 Uhr
Bin also besoffen und ungeschminkt zur Arbeit erschienen, was mir irgendwie auch egal war. Vermutlich, weil ich besoffen war.
War eh nur Aktenkram zu erledigen.
Aber so ist das halt. Ärzte kommen besoffen zur Arbeit. Und manche Ärzte operieren sogar besoffen. Überhaupt sind Ärzte grundsätzlich nur Menschen. Ich finde, das müsste man mal den Menschen da draußen mitteilen.
WIR SIND NUR MENSCHEN!
12.45 Uhr
Schwester Sabine kam ganz aufgeregt zu mir und meinte, dass ich mir das angucken müsse.
Sie hat mich ins Männerklo gezerrt und da hing es vor uns. Das Corpus delicti. Ein zerschmetterter Spiegel.
Sie meinte, dass Marc Meier ein Pflaster am Handrücken habe und sie glaubt, dass er vor Wut den Spiegel eingeschlagen hat.
Ich: Wieso? Hat er endlich mal seinen Charakter gesehen?
Sie: NEIN! Weil sie doch jetzt einen Freund haben.
Ich habe sie angeguckt.
Sie: Freuen Sie sich gar nicht, Frau Doktor?
Ich habe nicht geantwortet.
Ich weiß es nicht.
Ich dachte, ich würde mich freuen, aber ich weiß nicht, ob ich jemandem wünsche, dass er traurig ist. Egal, wie unglücklich Marc Meier mich gemacht hat und wie sehr ich mir wünschen würde, dass er endlich weiß, was er an mir gehabt hätte, ich möchte nicht, dass es ihm schlecht geht. Nur weil es mir gut geht. Ich möchte, dass alle Menschen auf der Welt glücklich sind. Dass jeder jemanden findet. Außerdem will ich Weltfrieden.
Sabine: Bitte?
Ich: Weltfrieden, Schwester Sabine.
Sabine meinte, ich wirke irgendwie angetrunken.
Habe ihr gesagt, das könne sein.
Dann hat sie gefragt, ob ich den Herrn Millionär denn genauso lieben würde wie den Dr. Meier.
Darauf hatte ich ebenfalls keine Antwort.
Kann man denn zwei Menschen lieben?
Also man kann seine Eltern lieben. Das sind meistens zwei. Gut, es sei denn, man ist das Ergebnis einer künstlichen Befruchtung.
Ach, ich will auch nicht mehr darüber nachdenken, es ist vorbei. Ich habe einen Freund und eben hat er mir gesimst, dass wir in drei Tagen nach Las Vegas fliegen, weil er da ein Business Meeting hat und er wollte mir sowieso mal seinen Privatjet zeigen.
AUF NACH LAS VEGAS!
Und wer der Richtige ist, wird sich herausstellen.
Da bin ich mir ganz sicher.
P.S. Habe Alexis zurück gesimst, dass ich gerne am Notausgang sitzen würde.
Er hat geantwortet, dass wir in seinem Privatjet fliegen, ich könne sitzen, wo ich wollte. Das ist schon witzig, finde ich. Dass er einen Privatjet hat. Marc Meier hat nur einen alten Volvo.
P.P.S. Ja, ich finde, ich darf auch mal materialistisch sein.